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„Das Wichtigste aber ist, Vertrauen in sich selbst, in die eigene Handlungsfähigkeit zu haben!“ | Rede von Ursula Sladek

Auf dem Weg in eine nachhaltige und klimaschonende Zukunft

(c) EWS Schönau

EWS Schönau

Das Thema dieses Morgens: auf dem Weg in eine nachhaltige und klimaschonende Zukunft.
Der Begriff „nachhaltig“ wird in den letzten Jahren geradezu inflationär gebraucht und verliert dadurch an Aussagekraft. Die Unternehmenspolitik von Autokonzernen ist ebenso nachhaltig (was auch immer das heißen mag, darüber könnte man jetzt lange sinnieren) wie die Flüchtlingspolitik oder der nachhaltige Einkauf.

Nachhaltigkeit ist ein Begriff aus der Forstwirtschaft und bezeichnet das „forstwirtschaftliche Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils nachwachsen kann. In der modernen, umfassenden Bedeutung heißt das, das nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereit gestellt werden kann.  Nachhaltigkeit ist ein populär gewordener Fachbegriff, der erst mal keine Emotionen weckt oder zur Aktivität auffordert.

Daher würde ich diesen Begriff gern ersetzen durch das Wort „Enkeltauglichkeit“.  Wenn ich in die Augen meiner Enkel schaue, dann weiß ich wofür ich mich gern und voll Freude engagieren will: Die Welt so zu erhalten und gestalten, dass auch Ihnen und Ihren Kindern und Kindeskindern ein gutes Leben möglich ist.
Das ist ja der Wunsch aller Eltern, aber dafür muss man eben auch etwas tun. Und: es geht ja nicht nur um die Zukunft der eigenen Kinder, sondern um alle Kinder, ja um alle Menschen, und nicht nur in Deutschland oder Europa sondern in der ganzen Welt.

Diese globale Dimension erschließt sich schnell im Zusammenhang mit der Klimaproblematik, die Auswirkungen besonders in den Ländern und bei den Menschen hat, die selbst am wenigsten Klimagase verursachen.  Schon heute kann man weltweit die Folgen der Klimaerwärmung erkennen: Abschmelzen der Polkappen, Ansteigen der Meeresspiegel, extreme Wetterereignisse wie Starkregen und langanhaltende Dürren. Über 1000 Klima- Experten haben nachgewiesen, dass die Klimaveränderungen menschengemacht sind. Wir als eine der reichen Industrienationen mit einem sehr hohen Ausstoß von Klimagasen haben daher eine besondere Verantwortung, der wir gerecht werden müssen.

Verantwortung nicht nur als moralische Forderung, sondern durchaus als Notwendigkeit für unser eigenes Leben. Gerade die Entwicklung im Energiebereich in Deutschland zeigt, wie wichtig das Engagement des Einzelnen, allein oder im Zusammenschluss mit anderen ist. Nur durch Bürgerengagement konnten wir in Deutschland aktuell 30 % Erneuerbare Energien erreichen!

Klimaschutz ist nicht nur eine sehr wichtige Voraussetzung für eine enkeltaugliche Zukunft, sondern steht in engstem Zusammenhang mit anderen zentralen und wichtigen Aufgaben: dem Schutz des Bodens, z.B. der durch lang anhaltende Dürren ebenso wie durch Überschwemmungen für den Anbei von Pflanzen nicht mehr zur Verfügung steht.

Beispiel Bangladesch: Wie wird es hier im Jahr 2050 aussehen? Die Anzahl der Einwohner wird trotz rückläufiger Geburtenraten auf 220 Millionen angewachsen sein. Doch ein Großteil des heutigen Gebiets wird unter Wasser stehen. Als Folge des globalen Klimawandels könnte der Meeresspiegel noch in diesem Jahrhundert um mehr als einen Meter ansteigen. Zehn bis 30 Millionen Bangladeschi an der Südküste des Landes würden dann ihr Zuhause verlieren und gezwungen sein, noch enger zusammenzurücken. Oder als Klimaflüchtlinge das Land zu verlassen.

Oder dem Schutz des Wassers: während in vielen Gegenden häufige Starkregen und Überschwemmungen drohen, ist in anderen Regionen der Wassermangel sehr bedrohlich. Das betrifft nicht nur ländliche Räume sondern durchaus auch Großstädte – wie z.B. Lima in Peru. Der Wassernotstand verschärft sich dort immer schneller und ist für die 10 Millionen Stadt ein kaum noch zu beherrschendes Problem. Liegt Lima schon ohnehin an der extrem trockenen Pazifikseite und ist quasi eine Wüstenstadt, werden die Klimaveränderungen bis zum Ende des Jahrhunderts die Niederschläge bis zu einem Drittel noch mal reduzieren.

Doch das ist nicht das Einzige: die meisten der 2500 peruanischen Gletscher schrumpfen rapide – und schmälern damit sukzessive die Wasserreservoire für Millionen.
Die Energiewende spielt eine große Rolle bei der enkeltauglichen Zukunft. Meist denken wir bei der Energiewende nur an den Strombereich, aber sie umfasst ja viel mehr: die Mobilität, die Wärmeversorgung, unsere Ernährung – um ein paar Beispiele zu nennen.  Die Landwirtschaft in Deutschland trägt maßgeblich zur Emission klimaschädlicher Gase bei.

Dafür verantwortlich sind vor allem Methan-Emissionen aus der Tierhaltung, das Ausbringen von Wirtschaftsdünger (Gülle, Festmist) sowie Lachgas-Emissionen aus landwirtschaftlich genutzten Böden als Folge der Stickstoffdüngung (mineralisch und organisch).
Bei der konventionellen Rinderhaltung entstehen für ein Kilogramm Fleisch, Gase mit einer Treibhauswirkung, die der von etwa 36 Kilogramm Kohlendioxid entspricht.
Zum Vergleich: 36 Kilogramm Kohlendioxid stößt ein durchschnittliches europäisches Auto auf 225 Kilometern Fahrt aus.

BUNDjugend Saar

BUNDjugend Saar

Warum erzähle ich Ihnen das? Weil das kaum jemand weiß. Auch mich hat die Zahl in dieser Größenordnung sehr überrascht. Ich will Ihnen aber keineswegs den Genuss eines saftigen Steaks oder einer leckeren Rindsroulade vermiesen – ganz im Gegenteil. Auch für die enkeltaugliche Zukunft ist nicht alles verboten, was gut schmeckt oder Spaß macht. Aber es ist wichtig, sich zu informieren, Zusammenhänge zu erkennen und dann bewusst zu entscheiden: was will ich und wieviel davon. Und dann das, wofür man sich entschieden hat, wirklich zu genießen – das gilt nicht nur für das Stück Fleisch auf dem Teller!

Lassen Sie uns nach diesem kurzen Ausflug auf den Mittagstisch zur Energiewende im engeren Sinn zurückkommen, zur Umstellung der Energieversorgung durch Atom- und Kohlekraft auf Erneuerbare Energien.
Da sind wir in Deutschland in den letzten Jahren schon ganz schön weit gekommen.
Im Jahr 2014 überholten Sonne, Wind, Biomasse und Co. zusammen erstmals die Braunkohle, die bis dahin den höchsten Anteil im deutschen Strommix innehatte. Den gigantischen Zubau der Erneuerbaren auf nunmehr knapp 30 % des Bruttostromverbrauchs verdanken wir in erster Linie dem Erneuerbaren Energien Gesetz, dem EEG. In zweiter Linie den Bürgern, die einfach gehandelt haben: die Photovoltaikanlage auf das Dach, gemeinsam ein Windrad errichtet und in die Zukunft investiert. Jede zweite Kilowattstunde Strom aus Erneuerbaren Energien wurde von Bürgern und Bürgergesellschaften finanziert – eine echte Bürgerenergiewende!  Der Bürger ist zu mehr bereit.

Doch unter dem Druck der großen Energieversorger auf die Politik hat sich einiges geändert. Nicht mehr so schnell soll die Energiewende vonstatten gehen, ein ganzes Instrumentarium wurde im EEG 2014  zur Verlangsamung der Energiewende geschaffen.

Und dies – obwohl die Klimaforscher uns eindringlich auffordern, die Energiewende nicht zu bremsen, sondern im Gegenteil –  angesichts der globalen Bedrohung durch die Klimaerwärmung –   zu beschleunigen. Der Ausbau der Photovoltaik z.B. ist im Jahr 2015 in Deutschland sehr deutlich eingebrochen verursacht durch den Wechsel zu Ausschreibungen, der EEG Umlagenbelastung auch beim Eigenstromverbrauch und immer größer werdenden bürokratischen Aufwand.

Mit dem Wechsel zu Ausschreibungen beim Wind mit der EEG-Novelle 2016 ist bei der Windkraft das gleiche zu befürchten. Schon jetzt stagniert das Repowering, weil die Akteure massiv verunsichert sind.
Hier sieht man deutlich, welche Auswirkungen es hat, wenn die Politik nicht den geeigneten Spielraum für Veränderungen schafft, aber so ist das ja auch von der Politik gewollt. Das Thema „Energieproduktion“ soll wieder bei den großen Energieversorgern angesiedelt werden, wohingegen Bürgergesellschaften, Genossenschaften usw. entgegen aller anders lautenden Beteuerungen weitgehend außen vor bleiben sollen.

Die EEG Novellierung 2014 und die geplante Novellierung 2016 zeigen an zwei ganz entscheidenden Stellen, was falsch läuft bei der Energiewende: Die Politik setzt die Energiewende nicht konsequent und kraftvoll um und lässt außer Acht, dass die Energiewende nur zusammen mit den Bürgern umgesetzt werden kann.

Wollte man alle aktuellen Forderungen an die Politik zur möglichst schnellen Umsetzung der Energiewende aufzeigen, so würden wahrscheinlich Tage dazu nicht ausreichen. Bei vielen Themen ist die unmittelbare Einflussnahme von Bürgern sehr begrenzt, aber dennoch sollten wir unsere Bedeutung für das Gelingen der Energiewende nicht unterschätzen – ich würde sogar behaupten, dass Gelingen hängt von uns Bürgern ab.  Wir müssen selbst aktiv werden, damit die Energiewende vorangebracht wird, all unsere Lebensbereiche auf den Prüfstand stellen ob sie mit Klimaschutz und Energiewende vereinbar sind.

Wie oft höre ich  –  auch von Menschen die genug Geld haben –  dass Bahnfahren im Verhältnis zum Fliegen zu teuer sei – obwohl Fliegen die nachgewiesener Weise umweltunfreundlichste Art zu reisen ist.
Bei der EWS heißt eine festgeschriebene Regel: „Wir fliegen nicht im Inland“ und wenn es sich vermeiden lässt auch sonst nicht. Wir nehmen für Geschäftsreisen und – was Vorstand und Geschäftsführung betrifft auch im privaten Bereich – nie das Flugzeug. Das geht soweit, dass wir bei Geschäftspartnern z.B. aus Berlin oder Hamburg abfragen, mit welchem Verkehrsmittel sie zu uns kommen und darauf Einfluss nehmen. Dies vor dem Hintergrund, dass Flugreisen „ökologische Schadensmaximierung“ bedeutet, denn „Was könnte ein Einzelner sonst tun, um mit vergleichsweise geringem Aufwand an Geld und Zeit jegliche Klimaschutzbemühungen optimal zu torpedieren“ wie Niko Paech, anerkannter Ökonom und Postwachstumsforscher in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung schrieb.

Public Domain

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Bei dieser Regelung der Mobilität für das Unternehmen und seine Mitarbeiter ernten wir oft Unverständnis, aber folgende Zahlen sind eindrücklich:
Auf 6196 Flugkilometern von Frankfurt nach New York jagt ein Jumbo 78 Tonnen Treibstoff durch die Düsen. Selbst wenn man diese gigantische Menge auf alle Fluggäste umlegt, verbraucht jeder inklusive Rückflug so viel Benzin, wie sein Auto im ganzen Jahr konsumiert.
Außerdem belastet jeder Liter Sprit, der in Jet-Turbinen verbrennt, das Klima zwei bis dreimal so stark wie ein Liter Autokraftstoff weil in den Höhen, in denen Flugzeuge fliegen, die Schadstoffe viel wirksamer sind.
Auch das Bundesumweltamt bestätig, dass Fliegen die klimaschädlichste Art des Reisens ist  – was für Kurzstreckenflüge ganz besonders zutrifft, weil beim Starten und Landen besonders viel Schadstoffe erzeugt werden.

Natürlich wird es immer Anlässe geben, bei denen man am Fliegen nicht vorbeikommt, aber das sind sehr viel weniger als man denkt.
Ich bin früher auch geflogen – sogar gern – aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass das langsame Reisen unzweifelhaft mehr Freuden hat: es macht mehr echte Erfahrungen möglich, man entdeckt Orte, an denen man normalerweise mit großer Geschwindigkeit vorbeirast, man  nimmt das Leben einfach so wie es kommt.

Und dann bin ich als unverbesserlicher Optimist ganz hoffnungsfroh – im Laufe der Zeit werden viele Menschen feststellen, dass das langsame Reisen mehr Lebensqualität hervorbringt und nicht wie befürchtet weniger.
Was mir oftmals fehlt, ist die Begeisterung für die Energiewende, ich höre zu viele Einwände und Bedenken. Die Elektrizitätswerke Schönau planen gerade im Südschwarzwald einen kleinen Windpark mit 5 Windenergieanlagen und wir erleben genau das Gleiche, was Investoren an vielen anderen Standorten auch widerfährt: die Bewohner sind selbstverständlich auch für die Energiewende, aber doch bitte nicht bei uns. Dies lässt sich leicht sagen, wenn man nicht zu den Dörfern gehört, die durch den Braunkohleabbau abgebaggert werden oder kein potentieller Standort für ein Atommülllager ist. Und die Auswirkungen des Klimawandels bekommen wir noch zu wenig zu spüren, unsere Existenz ist durch den Klimawandel auch noch nicht bedroht.
Was ist zu tun? Ganz praktisch einmal: jeder von uns hat wahrscheinlich Freunde, Verwandte, Arbeitskollegen, denen bis jetzt die Energiewende mehr oder weniger egal ist oder die die Klimaveränderungen nicht wahrhaben wollen. Könnte nicht jeder von uns sich für einen bestimmten Zeitraum – sagen wir mal drei Monate – vornehmen, mindestens zwei Menschen für die Energiewende zu begeistern? Und dabei – ich nehme an, dass nicht alle schon in allen Bereichen absolut klimafreundlich handeln – sein eigenes Verhalten an weiteren  zwei oder drei Stellen Energiewende kompatibel machen?
Das hört sich ja jetzt ziemlich sozialromantisch an – obwohl Menschen zu überzeugen, mit zu den schwersten Aufgaben gehört, die es überhaupt gibt und das mit Romantik wenig zu tun hat.
Aber sei`s drum: nichts hindert uns, einen Schritt weiterzugehen und einen Blick in unseren Geldbeutel zu werfen. Wie wäre es denn, wenn wir in die Energiewende investieren, ohne Hinblick darauf, welche finanzielle Rendite zu erwarten ist. Viel zu schnell wird immer die Frage gestellt „rechnet sich das denn?“  Eine Frage, die wir beim Autokauf oder anderen Dingen, die wir haben möchten, nicht stellen.
Wir könnten doch für uns selber die Gesetze der Marktwirtschaft einfach außer Acht lassen, auf jeglichen Zins verzichten – was bei der gegenwärtigen Situation auf dem Geldmarkt nicht so schwer sein sollte –  und uns mit der ökologischen Rendite zufrieden geben. Dann ist unsere Investition ein Geschenk an die Gesellschaft und an kommende Generationen – an unsere Enkel.  Es gälte hierfür die geeigneten Instrumente zu finden, die dafür sorgen, dass diese Investitionen wirklich nur dem Gemeinwohl zugutekommen. Ideen gibt es hierfür schon.
Und im Übrigen: es ist ja gar nicht so, dass sich eine neue PV-Anlage nicht mehr rechnet. Ja, sie rechnet sich nicht mehr so gut wie das schon einmal war, aber mit Modellen wie z.B. Stromeigenverbrauch im Einfamilien-wohnhaus oder einem Mieterstrommodell bei Mehrfamilienwohnhäusern rechnet sich die Photovoltaik immer noch.
Wir müssen selbst handeln, wenn sich etwas ändern soll – das ist meine Erfahrung aus dem Reaktorunfall von Tschernobyl, als Politik und Energieversorger nicht bereit waren, etwas zu ändern und wir in Schönau rebellisch die Dinge selbst in die Hand genommen haben. Die Übernahme des Stromnetzes und der Stromversorgung in Schönau war nur mit diesem „rebellischen Geist“ möglich, sieben Jahre Kampf und zwei Bürgerentscheide hat es gebraucht, bis die Schönauer Bürger sich gegen die Übermacht des großen Energieversorgers und die lokalen Widerstände durchsetzen konnten. Auch die Belegung unserer evangelischen Kirche in Schönau 1998 mit einer großen Photovoltaik-Anlage den „Schönauer Schöpfungsfenstern“ war nur mit einer „Solarrevolution“ möglich. Das Denkmalamt hatte eine PV-Anlage auf der Kirche untersagt, doch der Ältestenrat der Kirche und die Schönauer Bürger wollten das nicht hinnehmen und errichteten die Anlage zunächst ohne Genehmigung, die daraufhin jedoch von der obersten Denkmalbehörde nachträglich erteilt wurde. Heute kämpfen wir für das in der Verfassung verbriefte Recht der Kommunen, die Energieversorgung in eigener Regie zu betreiben, was durch das kartellrechtliche Regime konsequent verhindert wird.
Mit „Rebellion“ gegen die Ohnmächtigkeit ankämpfen heißt, von der Ohnmacht in die Macht zu kommen, in die Macht, selbst etwas zu ändern, auch wenn es schwierig ist und kaum realisierbar scheint. Und dann Erfolg zu haben – das gibt einen Motivationsschub für weitere Aktivitäten und weitet dabei auch den Kreis der Engagierten aus. Genau das haben wir immer wieder erlebt. Und es macht einfach auch Spaß, einem Dinosaurier – und das sind die großen Energieversorger –mit – übertragen gesagt- einem spitzen Gegenstand an die empfindlichste Stelle zu stechen, dass dieser einen großen Satz macht und sich bewegt.
Wir müssen bei unserem Handeln auch bereit sein, in ganz neue Richtungen zu denken, denn so viel ist klar: wir müssen uns verabschieden, von dem Gedanken des stetigen Wachstums und immer währenden Konsumierens, von der Befriedigung eigener materieller Bedürfnisse ohne Rücksicht auf Umwelt und Mitmenschen, wo auch immer auf der Welt sich diese befinden.
Die Energiewende ist keine technische Veranstaltung, sondern sie muss von uns mit Leben gefüllt werden. Die Erneuerbaren Energien sind dezentral, das heißt wir müssen mit der Energiewende auch eine Strukturwende vollziehen: weg von den zentralistischen Strukturen hin zu dezentralen Strukturen, da sind wir Bürger, die Kommunen und örtliche Gemeinschaften gefragt. Wir als Bürger, als Verbraucher, als Stromkunden, als Wähler müssen aber auch Druck auf Politik und Wirtschaft machen mit allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten: auf der Straße und im persönlichen Gespräch. Wir müssen durch unser eigenes Handeln Handlungsdruck erzeugen, und notfalls auch nicht davor zurückschrecken, Gerichte anzurufen. Wir müssen uns miteinander vernetzen und voneinander lernen. Und trotz all dem notwendigen Druck nicht auf „die da oben warten“, sondern einfach die Dinge selbst in die Hand nehmen, so wie die Schönauer Bürger und viele andere das nach Tschernobyl und Fukushima getan haben.
Der rebellische Geist, der Falsches nicht einfach hinnehmen sondern verändern will, braucht als erstes eine klare Vision und Zielsetzung, für die er sich mit seiner ganzen Kraft engagieren will.

So ging es uns nach Tschernobyl. Die Vision war klar: wir wollten eine gesunde, atomfreie Energieversorgung. Doch um das zu erreichen, brauchten wir dringend neue Fähigkeiten.
Wir alle sind ja im Besitz von unendlich vielen Fähigkeiten und Ressourcen, die wir mit auf die Welt mitbringen, von denen wir aber nur einen kleinen Teil nutzen. Wir müssen nur einen Zugang zu dem großen Ressourcenreservoir finden, um an die neuen Fähigkeiten zu kommen.
Die erste und vielleicht die wichtigste Ressource ist die Empathie. Empathie ist vereinfacht gesagt die Fähigkeit, Menschen lieben zu können. Das klingt zwar sehr banal, ist aber manchmal gar nicht so einfach.
Empathie ist die Voraussetzung, um überhaupt mit Menschen in guten Kontakt zu kommen, um Vertrauen zu gewinnen. Um Mehrheiten zu gewinnen – wie etwa bei uns bei den beiden Bürgerentscheiden – bedarf es in allererster Linie der Empathie, die einem auch hilft mit Ablehnung umgehen zu können.

Die Fähigkeit zu Solidarität gehört auch in diese Ressourcengruppe. Nur durch solidarisches Handeln bei der gemeinsamen Arbeit in der Gruppe oder mit den vielen engagierten Mitstreitern konnten wir unsere Ziele erreichen. Solidarität gepaart mit Lebensfreude und Lebenslust brauchen wir unbedingt, um einerseits ausgiebig Etappensiege zu feiern und andererseits auch nach Niederlagen gemeinsam positive Trotzreaktionen entwickeln zu können.

Dazu braucht man noch eine ganz wichtige Ressource, nämlich die Fähigkeit zur Resilienz. Nur wenn wir diese Fähigkeit haben, können wir auch Meinungen aktiv vertreten, auch wenn unsere Meinung noch von der Mehrheit abgelehnt wird, ohne dabei den respektvollen Umgang zu unseren Mitmenschen verlieren. Diese innere Widerstandkraft ist gleichsam der lange Atem, damit wir unsere Ziele nicht aus den Augen verlieren und mit Widerständen umgehen können,  dazu gehört auch eine große Portion Sturheit.

Unsere tolle Ressource – die Kreativität – hilft uns pfiffige und für unsere Gegner nicht vorhersagbare Wege zu entwickeln, wie wir schwierige Situationen erfolgreich meistern können. Sturheit gepaart mit Pfiffigkeit war eines unserer Erfolgsrezepte. Und damit gewinnt man gleichzeitig Achtung und Vertrauen.

Und die Kompetenz. Wenn wir kompetent sein wollen, dann müssen wir Bescheid wissen, denn nur dann können wir mit Sachverstand informieren und diskutieren. Und wir werden feststellen, dass es Spaß macht, Dinge zu verstehen und an Stellen mitzudiskutieren oder gar überzeugen zu können, wo man es vorher nicht konnte.

Das Wichtigste aber ist, Vertrauen in sich selbst, in die eigene Handlungsfähigkeit zu haben, und auch das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Vertrauen bekomme ich aber nur geschenkt, wenn das eigene Handeln nicht im Widerspruch zu den Visionen und Zielen steht.

Eine enkelfreundliche Zukunft – es lohnt sich, an der Realisierung dieser Vision dabei zu sein.
Zum Schluss möchte ich Ihnen ein Bild mitgeben. Das Bild der zwei entgegengesetzten Pole und unserem Selbstverständnis.
Auf der einen Seite: „Auf mich kommt es an“. Ich verändere die Welt durch mein Tun und Lassen, ich bin ein ganz wichtiger Bestandteil dieses Kosmos, es geschieht nichts ohne mich.
Auf der anderen Seite: „Ich bin ein Muckenschiß im Weltall“ – so klein, so unbedeutend. Es ist egal, was ich tue, es ändert nichts am Gesamten.

So, und zwischen diesen beiden Polen müssen wir uns nun entscheiden – wo will ich stehen, wie schätze ich mein Leben und mich selbst ein. Wir in Schönau haben uns gegen die Muckenschiß – Fraktion entschieden und ich hoffe, Sie machen das genauso.

CC BY-SA Sorko, Jürgen

CC BY-SA
Sorko, Jürgen

 

Rottweil, den 17. April 2016 / Ursula Sladek

Menschenstrom gegen Atom: Gemeinsam zur Demo am 19.06.!

menschenstrom.ch

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Das schweizerische Atomkraftwerk Beznau im Kanton Aargau ist seit 1969 in Betrieb und das älteste Atomkraftwerk der Welt. Es liegt auf einer Insel mitten in der Aare und ist nur zehn Kilometer von Rottweils Partnerstadt Brugg und nur zehn Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Seit Jahrzehnten gibt es immer wieder Störfälle, aktuell wurden am Stahlmantel gravierende Mängel fest gestellt. Seit März 2015 ist das AKW deswegen außer Betrieb. Seit 2011 finden in Brugg regelmäßig vor der ENSI  ( „Eidgenössischen Nuklear-Sicherheits- Inspektorat“) Mahnwachen statt. Die Schweizer Antiatombewegung will klar machen, dass endlich Schluss sein muss mit den „gefährlichen Uralt- AKWs in der Schweiz“. Auch die Schweiz hat nach Fukushima beschlossen aus der Atomenergie auszusteigen. Die Reaktoren sollen bis 2034 nach und nach abgeschaltet werden. Das Ziel der Brugger Gruppe ist aber die sofortige Abschaltung von Beznau 1 und 2 und Mühleberg. Sie halten es für einen unverantwortlichen und gefährlichen Plan, Beznau wieder ans Netz zu nehmen.  „Ein Unfall würde die Aare, den Rhein und die dicht besiedelten Gebiete der Schweiz und von Süddeutschland betreffen“, schreiben die Organisatoren.
Nach Plan der Betreiber soll es aber wieder ans Netz und das ruft die Schweizer Atomkraftgegner auf den Plan. Ein breites Bündnis um den Verein „Menschenstrom gegen Atom“ ruft für Sonntag, 19. Juni mit einer großen Demonstration und einer abschließenden Kundgebung im Amphitheater in Windisch zur endgültigen Stilllegung der Reaktoren auf.

BUNDjugend

BUNDjugend

Die Rottweiler „Bürgerinitiative für eine Welt ohne atomare Bedrohung“ steht in Kontakt mit den Bruggern und fährt am Sonntag auch zur Demonstration in die Partnerstadt. Für weitere Interessierte besteht die Möglichkeit sich der Fahrt von Rottweil aus anzuschließen. Am Sonntag, 19.Juni um 8.45 Uhr wird von der Großschen Wiese in Fahrgemeinschaften abgefahren. Ab Engen ist ein Bus eingesetzt (Kosten 5 Euro pro Person), der nach Siggenthal (Schweiz) fährt. Von dort aus geht es zusammen zu Fuß weiter zur Kundgebung im Amphitheater in  Windisch (Fußweg ca. eineinhalb Stunden). Näheres dazu unter www.menschenstrom.ch . Die Rückfahrt von Windisch ist um 16 Uhr.
Da die Busplätze reserviert werden müssen bittet die Rottweiler Bürgerinitiative, dass sich Interessierte (bei Christa Stockhaus Tel. 0741-46415 oder bi-antiatom-rottweil@freenet.de ) anmelden.

Die nukleare Kette | Hibakusha weltweit

CC-BY-Sa, Geomartin

CC-BY-Sa, Geomartin

Uranbergbau

Sowohl die Atomwaffen, als auch die Atomkraftwerke benötigen Uran.

Von 1946 bis 1990 wurde im Erzgebirge und in Thüringen Uran abgebaut. Mehr als 40.000  Zwangsarbeiter wurden dafür eingesetzt. 1960 arbeiteten dort 130.000 Bergarbeiter. Wismut war der drittgrößte Uranlieferant weltweit. 1990 wurde die Mine geschlossen. Die Anwohner und die Bergarbeiter leiden noch heute unter den strahlenden Rückständen.

Uranbergbau wird heute in großen Minen in Amerika, Afrika, Kanada, Kirgisistan, Australien,  Indien und China betrieben.

Unter unsicheren Bedingungen bergen die Minenarbeiter das Uran. Die Bergarbeiter werden bei ihrer Arbeit hohen Strahlendosen ausgesetzt. Viele von ihnen erkranken deshalb an Lungenkrebs.

Neben den gesundheitlichen Risiken für die Arbeiter wird beim Abbau des Uranerzes auch die radioaktive Verseuchung ganzer Regionen in Kauf genommen. Es entstehen riesige Mengen radioaktiver Abraum und immense Mengen an Abwasser und Schwefelsäure, die für die Auswaschungen nötig ist. Die hochgiftigen Schlämme und der radioaktive Abraum kommen auf Abraumhalden und sind ein strahlendes Erbe für die künftigen Generationen. Die strahlenden Partikel werden durch den Wind verweht. Das radioaktive Wasser gelangt oft ins Grundwasser und in die Flüsse.  Anwohner und indigene Völker  in fünf Kontinenten verloren durch den Uranabbau ihre Heimat und leiden unter der Strahlung. Es gibt keine Antwort, wie die Gebiete jemals dekontaminiert werden könnten.

Auch die Bergarbeiter, Anwohner und indigenen Völker sind Hibakusha, die unter den Folgen der zivilen und militärischen Atomnutzung leiden.


Public Domain

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Atomwaffentests

Am 16.Juli 1945 findet der weltweit erste Atomwaffentest statt. 2009 verabschiedet die Generalvollversammlung der Vereinten Nationen einstimmig eine Resolution gegen Atomwaffentests. Der 29.August ist heute der Internationale Tag gegen Atomtests.

Seit 1945- 2016 waren es insgesamt 2051 Atomwaffentests der USA, der Sowjetunion, Frankreichs, Großbritanniens, Chinas, Indiens, Pakistans und zuletzt Nordkoreas.

Die Tests fanden weltweit auf allen Kontinenten statt. Dies auf der Erde, unter der Erde, in und auf dem Wasser.

Die Strahlenopfer sind zigtausende Soldaten, Arbeiter auf den Testgeländen, die einheimische Zivilbevölkerung und deren gesamten Lebensgrundlagen.

Die USA haben mit ihren 1054 Atomwaffentest einen großen Teil der Erde radioaktiv verseucht und teilweise unbewohnbar gemacht. In den Anfangsjahren des Kalten Krieges wurden beispielsweise über den pazifischen Atollen, den Marschallinseln, 49 Wasserstoffbomben mit der Sprengkraft von3.200 Hiroshima Bomben freigesetzt.

Alle 49 getesteten Wasserstoffbomben enthielten Plutonium, eins der giftigsten Elemente, die es gibt: es strahlt eine halbe Million Jahre lang Radioaktivität ab. Nach diesen Tests starben unmittelbar über 80.000 Menschen, weitere 40.000 Personen qualvoll in den folgenden Jahren. 11.000 Menschen wurden 12 Jahre lang als Testpersonen für radioaktive Nebenwirkungen beobachtet.

Das ist nur die Spitze des Eisbergs einer beispiellosen Vernichtungsaktion unserer Mutter Erde und deren Lebewesen.

Der kasachische Dichter und Politiker Olzhas Sulejmenov sagte im Jahre 1989 zu den Atomwaffentests der UDSSR in Kasachstan:

„Wir dachten, wir seien ein Land des Friedens, aber in Wirklichkeit hat unsere Regierung 40 Jahre lang einen Atomkrieg gegen das eigene Volk geführt.“

Die eingereichten Klagen auf Entschädigung der schwerstbetroffenen Menschen werden weitgehend abgewiesen.

Auch sie sind Hibakuscha, die unter den Folgen der militärischen und zivilen Atomindustrie leiden.


CC-BY-SA Arne Müseler / www.arne-mueseler.de

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Arne Müseler / www.arne-mueseler.de

Unfälle in Atomkraftwerken

Zum Thema „Unfälle in Atomkraftwerken“ zeigen wir in der Ausstellung  3 Texttafeln zum  SUPER GAU in Tschernobyl und dem SUPER GAU in Fukushima.

Aus Platzmangel mußten wir viele andere Unfälle in Atomkraftwerken unerwähnt lassen:

1979 kam es in Three Mile Island in den USA zu einer teilweisen Kernschmelze. Was waren die Folgen? Bis heute gibt es keine wissenschaftliche Analyse der Folgen für Umwelt und Gesundheit der Menschen.

In der Ausstellung fehlen auch die Atomkraftwerke, die durch ständige Fehlfunktionen und Lecks und dadurch, dass sie in Erdbebengebieten liegen, eine große und ständige Gefahr darstellen. Da sind z.B. die Atomkraftwerke Watts Bar und Sequoyah in USA und viele andere weltweit.

Ein besonders makabrer Strahlenunfall ereignete sich in Brasilien. Diebe entwendeten ein Strahlentherapiegerät. Im Inneren fanden sie ein geheimnisvoll leuchtendes blaues Pulver. Bevor endlich bekannt wurde, dass es sich um Cäsium 137 handelte, starben bereits viele Menschen, weite Teile der Großstadt waren verseucht, mangels Erfahrung gelang die Dekontaminierung nur mangelhaft, das Cäsium 137 strahlt weiter…

Auch alle Opfer von Atomunfällen sind Hibakusha, die unter den Folgen der  sogenanten „friedlichen“ (zivilen)  Atomnutzung leiden.


Public Domain

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Atomwaffen

Wir alle kennen die Geschichte von ‚Little Boy‘ und ‚Fat Man‘, den Atombomben, die die USA im August 1945  über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki abwarfen .

Die Überlebenden dieser beiden Angriffe waren die ersten ‚Hibakusha‘.

Im Golfkrieg 1991 und im Irakkrieg 2003 setzten die USA und Großbritannien Uranmunition ein.

Das ist sogenanntes abgereichertes Uran, das bei der Urananreicherung entsteht. Es ist in Staaten, die Atomkraftwerke betreiben, in großen Mengen vorhanden.

Wegen seiner großen Dichte wird es für panzer- und bunkerbrechende Munition verwendet.

Beim Aufprall wird das Uran pulverisiert und mit dem Wind weit verteilt.

Es gelangt durch Einatmen, mit der Nahrung und durch offene Wunden in den Körper.

Ein Teil wird mit dem Urin unter großer Schädigung der Nieren ausgeschieden. Der andere Teil wird in die Knochen eingebaut und verstrahlt von dort aus das Gewebe.

Die Folge sind große Anstiege bei kindlichen Missbildungen und stark erhöhte Krebsraten in der Gegend von Basra und Falludscha.

Auch diese Menschen sind – ebenso wie die betroffenen Soldaten – Hibakusha, die unter den Folgen der militärischen Atomindustrie leiden.


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Atommüll und Wiederaufbereitungsanlagen

Bis 2022, wenn der letzte Atommeiler in Deutschland abgeschaltet ist, wird allein in unserem Land 18.000 t hochradioaktiver Atommüll anfallen – weltweit 350.000 t. Und nirgendwo auf unserem Planeten ein sicherer Ort dafür .
Beim Rückbau der stillgelegten Meiler fällt das größte Volumen an radioaktivem Müll an. Doch auch für diesen schwächer aktiven Abfall gibt es noch keinen Platz der sicheren Lagerung.

So wächst dieser „Atommüll-Wahnsinn auf Halde“ von Jahr zu Jahr weltweit.

Ein Lösungsweg über die Wiederaufarbeitung der verbrauchten Brennelemente und die Brüter-Technologie erwies sich in Deutschland als Sackgasse.
Die Liste der technischen Schwierigkeiten, der Probleme mit der Sicherheit und nicht zuletzt der Umweltverträglichkeit ist lang.

In der Ausstellung können sie sich genauer über die Wiederaufarbeitungsanlagen in La Hague (F) und Sellafield (GB) informieren.
Allen Wiederaufarbeitungsanlagen auf dieser Welt ist gemein, dass sie Meere und Luft stark verseuchen.

So sind die direkten Anwohner und auch die Nutzer der betroffenen Meeresgebiete  Hibakusha, die unter den direkten Folgen der Atomnutzung leiden.

Hibakusha weltweit | Ausstellungseröffnung

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Am 21. April wurde die Ausstellung Hibakusha weltweit in Rottweil eröffnet. Angela Gessler führte dazu ein:

Ich möchte Ihnen gerne von  Alexij Bugajew (Name geändert) erzählen. Wir trafen ihn in Luninetz, als wir an Ostern in Belarus waren.  Er erzählte uns seine Lebensgeschichte. Alexij Bugajew ist von Beruf Vermessungstechniker. Er wurde im Mai 1986 nach der Havarie in Tschernobyl einberufen, wie 800.000 Soldaten und Zivilisten aus der ganzen Sowjetunion. Sie wurden Liquidatoren genannt, weil sie die Verstrahlung liquidieren sollten. Noch heute ist er stolz, dass man ihn damals für diesen wichtigen Einsatz ausgewählt hatte.

Er wurde  mit seinen Kollegen in die 30 Kilometer- Zone geschickt. Sie sollten dort die vielen unbefestigten Straßen vermessen, damit später Asphalt aufgetragen werden konnte und der radioaktive Staub durch den Wind und beim Befahren nicht so stark verweht wurde.

Sie wurden zusammen mit vielen weiteren Liquidatoren in einem leer stehenden Hotel untergebracht. Alexij Bugajew und seine Kollegen aus Luninetz wurden zu einem menschenleeren und verwüsteten  Dorf gefahren, wo sie die Vermessungsarbeiten durch führen sollten. Die Häuser und die Brunnen waren mit Holzbrettern vernagelt. Alexij Bugajew erinnert sich noch an den metallenen Geschmack im Mund. Alle mussten husten und hatten immer einen trockenen Hals.  Über allem lag eine unheimliche Stille, kein Vogel zwitscherte und keine Biene flog. Obdachlose Hunde und Katzen liefen herum. Die Bäume hatten Blüten, aber die Rinden waren schwarz und die Blätter waren abgefallen.

Das Militär und die Feuerwehrleute in der 30 Kilometer-Zone hatten schwere Schutzanzüge und Gasmasken, Alexij und seine Kameraden nicht. Auch keine Geigerzähler. Da es in ihrer Unterkunft kein Wasser mehr gab,  tranken sie Wasser aus den Brunnen und wuschen sich im nahegelegenen Fluss Pripjat, dem Fluss, der direkt an Tschernobyl vorbei fließt.

Alexij Bugajew  wurde 6 Jahre nach seinem Einsatz als „Liquidator“ anerkannt, hatte aber durch diesen Status keine Privilegien im Alltag. Er ist seit vielen Jahren schwer krank und leidet an chronischen Magengeschwüren und Gelenkkrankheiten. In ein paar Wochen feiert er seinen 60.Geburtstag und wird pensioniert. Drei seiner Kollegen mit denen er damals gearbeitet hat, sind schon in jungen Jahren gestorben.

Alexij Bugajew  ist einer von vielen Hibakusha weltweit, um die es in dieser Ausstellung geht. Als wir die Unterlagen zur Ausstellung lasen, war es für uns alle erschreckend, wie umfassend und wie riesig die Auswirkungen der Atomindustrie sind. Weltweit gibt es Millionen Hibakusha, es gibt unzählige Orte, an denen die Atomindustrie ihr strahlendes Erbe hinterlassen hat und heute noch jeden Tag hinterlässt,  mit massiven gesundheitlichen und ökologischen Schäden für Mensch und Umwelt. Die Folgen der Atomindustrie kennen keine Ländergrenze, sie hinterlassen Spuren bei  Kindern und bei alten Menschen, sie verseuchen Gewässer und  zerstören riesige Landschaften.

Tschernobyl und Fukushima sind nur zwei von vielen Beispielen. Jedes Glied in der  zivilen und militärischen Atomtechnologie fügt der Umwelt und dem Leben irreparable Schäden zu.

Die beiden Hauptanliegen der Ausstellung sind zum einen  gegen das Schweigen und das gezielte Vertuschen anzutreten, den Hibakusha ein Gesicht und eine Stimme zu geben und dafür einzutreten, damit es keine weiteren Hibakusha mehr gibt.

 Das aber ist nicht möglich, solange es noch Atomkraftwerke gibt. Deshalb ist die zweite wichtige Botschaft der Ausstellung: Ausstieg aus der Atomtechnologie! Weltweit und sofort!

Deutschland hat nach Fukushima beschlossen,  bis 2022 alle Atomkraftwerke stillzulegen. Neun sind still gelegt, acht noch immer in Betrieb. In jedem Atomkraftwerk steckt ein Risiko, Attentate sind eine zunehmende Gefahr. Die Atomwirtschaft, aber auch manche politische Gruppen, sprechen  schon wieder von Laufzeitverlängerung.

Wir unterstützen deshalb die Initiative des BUND den Atomausstieg in Deutschland zu sichern und  im Grundgesetz dauerhaft fest zu schreiben und sich einzusetzen für den Ausstieg überall in Europa  und weltweit.

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Endlich abschalten! Anti-Atom-Demo in Neckarwestheim

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BUND BW

Diese Rede wurde  von uns stellvertretend für unsere Freund*innen in Belarus, die aufgrund der politischen Situation nicht öffentlich frei sprechen können, auf der Demo zum AKW Neckarwestheim am 6.März 2016 gehalten:

Liebe Freundinnen und Freunde!

Wie schön, dass heute über 2000 von euch hier sind, um ein lautes und buntes Zeichen für den sofortigen und konsequenten Atomausstieg zu setzen!

Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich vor 2 Jahren im März auf dieser Demo Kraniche mit euch gefaltet habe, um sie mit nach Fukushima als Zeichen unserer Solidarität zu nehmen. Diese Reise hat mich sehr geprägt und mittlerweile konnte ich auch Menschen aus Belarus kennenlernen. Die Parallelen zwischen Belarus und Japan sind enorm, obwohl 25 Jahre und ganz unterschiedliche Systeme hinter beiden GAUs liegen. Dies hat mich ganz besonders darin bestärkt, unserer Solidarität und unserem Protest von West nach Ost und von Ost nach West laut und deutlich Ausdruck zu verleihen. Denn Atomkraft gefährdet und alle, überall und immer!

Ich möchte heute einige Eindrücke meines Besuches der verstrahlten Gebiete Weißrusslands mit euch teilen. Wir demonstrieren heute offen und äußern unseren deutlichen Unmut über die Atompolitik – dies ist in Belarus nicht möglich. Proteste rund um die Präsidentschaftswahlen im letzten Oktober wurden gewaltsam und teils unter Androhung der Todesstrafe niedergeschlagen. Belarus wird auch die letzte Diktatur Europas genannt. Weil sich unsere weißrussischen Partner und Partnerinnen nur unter großer Gefahr für sich und ihre Familien politisch äußern können, möchte ich heute stellvertretend ihre Stimmen vernehmbar machen.

„Wir leben nicht nach der Katastrophe von Tschernobyl, sondern seit 30 Jahren mit ihr!“ dies ist die zentrale Botschaft, die ich von allen Menschen – egal ob zum Zeitpunkt des GAUS schon geboren oder nicht – mitgenommen habe. Tschernobyl ist überall, sei es in den verlassenen Dörfern in den hochverstrahlten Gebieten Gomel und Mogilev, sei es in den anonymen Hochhochsiedlungen von Minsk, wohin die die Babuschkas aus eben jenen Gebieten umgesiedelt wurden, sei es in den Krankenhäusern, wo die überlebenden Liquidatoren behandelt werden und sei es hier in Stuttgart oder Heilbronn, wo weißrussische Kinder 2 Wochen auf Erholungsreise sind.

Doch Tschernobyl soll unsichtbar gemacht werden, das Unfassbare aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt und Erinnerung strafbar. Die Stiftung „Den Kindern von Tschernobyl“, die es seit den 90er Jahren über einer halben Million Kindern ermöglicht hat, ins Ausland auf Kur zu fahren, musste das „Tschernobyl“ aus ihrem Namen streichen. Sie heißt jetzt „Freude den Kindern“. Der belarussische Staat hat so gut wie alle Entschädigungszahlen an die Opfer der Atomkatastrophe eingestellt und Hilfe für kranke und behinderte Menschen wird größtenteils zivilgesellschaftlich finanziert. Hinzu kommt oft bittere Armut und eine Inflation von rund 50% innerhalb des letzten Jahres. Wie es eine belarussische Bekannte formuliert: „In dieser Situation denkt keiner besonders viel an die Umwelt, an die Atomkraft, an die Erneuerbaren. Das ist leider die Realität.“ Die Arbeit der belarussischen humanitären Organisationen hängt zu einem großen Teil von Partner*innen aus dem Ausland ab – finanziell und auch politisch. Sie sind auf unsere Unterstützung angewiesen, denn dort wo Hinsehen und Helfen zum Verbrechen gemacht wird, braucht es internationale Solidarität!

Die Strahlung, die nach dem GAU freigesetzt wurde, war 200 Mal so stark wie die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki zusammen. Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl mussten 400 000 Menschen ihre Heimat verlassen. 8,3 Millionen Menschen lebten plötzlich in kontaminierten Gebieten. 830 000 Menschen aus der gesamten Sowjetunion wurden direkt nach dem GAU als Liquidatoren eingesetzt, laut der Internationale Ärzte und Ärztinnen für die Verhütung des Atomkrieges sind über 50 000 bereits an Strahlenschäden gestorben oder begingen Selbstmord. Laut WHO gibt es heute in Belarus kein einziges gesundes Kind. Dies ist die oft so ambivalente Welt der Daten und Zahlen. Nicht zuletzt das altbekannte Spiel mit Grenzwerten für Evakuierung und Entschädigung, das in Belarus wie Japan gleichermaßen gespielt wird, zeigt uns, das Zahlen allein noch keine Fakten sind. Zu anfällig sind sie für Manipulation und vermögen nur einen begrenzten Teil der Realität abzubilden, der immer interpretiert und gewertet werden muss. Wir müssen um sie kämpfen, wenn es um politische Argumentationsgrundlagen geht. Doch was sich mir und meinen Mitreisenden sowohl in Japan als auch Belarus tief eingeprägt hat, sind die Biographien der Menschen, die mit diesen Katastrophen leben müssen und oft alleine gelassen werden. Nicht selten werde diese Hibakusha, also Strahlenopfer, massiv ausgegrenzt und sollen unsichtbar gemacht werden. Dies dürfen wir nicht zulassen! Lasst uns ihre Geschichten und Stimmen weitertragen!

In Luninetz, einem der besonders verstrahlten Gebiete Belarus‘, habe ich im örtlichen Gymnasium einen jungen Mann getroffen. Er war 19 Jahre alt, wurde also nach dem GAU geboren. Er war schon mehrmals in Deutschland und auch England auf Erholungsreise und wurde von seiner Lehrerin für sein technisch-naturwissenschaftliches Talent gelobt. Als wir ihn fragten, was er sich denn beruflich für seine Zukunft wünsche, kam die Antwort prompt: Er wolle in dem neuen, sich momentan im Bau befindenden Atomkraftwerk im Norden des Landes arbeiten. Dort sei die Bezahlung gut und die Technik auf dem neuesten Stand, außerdem könne Weißrussland nur so von Energieimporten unabhängig werden.

In diesem Moment wurde mir einmal mehr bewusst, wie wichtig es ist, echte Perspektiven zu schaffen. Atomkraft ist nicht alternativlos! Wir können eine klimagerechte, umweltfreundliche und soziale Energieversorgung schaffen! Deutschland kommt aufgrund der Energiewende und seinem Status als reiches Industrieland des globalen Norden dabei eine Art Vorbildrolle zu, auch wenn diese momentan offensichtlich mehr schlecht als recht erfüllt wird. Deshalb lasst uns auch hier vor Ort, in den Kommunen, Ländern und im Bund weiterhin mächtig Druck machen! Atomkraft muss Geschichte werden!

Eine belaussische Freundin hat mir geschrieben: Ich habe versucht dran zu denken, was mir in dieser Situation Hoffnung macht und leider ist mir so gut wie gar nichts eingefallen. Vielleicht wird es mit der Zeit besser, wenn eine neue Generation der jungen Menschen kommen kann, die anders denken. Ein Zitat von Waclaf Havel, das ich im Zuge meiner belarussischen Erfahrungen sehr verinnerlicht habe: Die Hoffnung ist, im Gegensatz zum Optimismus, nicht die Erwartung, dass alles gut ausgeht. Sondern das Engagement in Gewissheit, dass es Sinn hat, egal wie ausgeht.

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Kraft und Zusammenhalt. Gemeinsam steigen wir aus der Atomkraft aus!

Vielen Dank für das viele positive Feedback!

Hier gibt es den Bericht des Endlich abschalten-Bündnisses.

Hier gibt es einen kurzen TV-Bericht zur Demo (SWR):

Atomkraft muss Geschichte werden!

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BUNDjugend

„Zum 30. und zum 5. Mal jähren sich die Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima im Frühjahr 2016. Und sie werden nicht Geschichte sein, solange weiterhin Atomkraftwerke in Betrieb sind – solange es weiterhin jeden Tag zu Unfällen kommen kann. Auch heute, im Hier und Jetzt, ist Atomkraft hochgefährlich. Auch von den acht deutschen Atomkraftwerken können zerstörerische Folgen für Mensch und Umwelt ausgehen.

Fordern Sie Umweltministerin Hendricks auf: Atomkraft muss Geschichte werden! Die Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima haben gezeigt, dass Atomkraft nicht beherrschbar ist – und der Weiterbetrieb von Atomkraftwerken unverantwortlich. Deshalb fordern wir: Atomausstieg beschleunigen und im Grundgesetz festschreiben!“

Hier könnt ihr die Petition des BUND unterzeichnen.